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Auch
historisch wird breit erkannt, dass "[...] es eine Vorstellung
von politischer Freiheit und vollends einen philosophisch‑ethischen
oder psychologischen Begriff von Freiheit vor den Griechen
nicht gegeben hat. In den vorgriechischen Kulturen des Mittelmeerraums
und des Alten Orients [...] war zwar soziale Freiheit und Knechtschaft
bekannt und auch juristisch kodifiziert, aber darüber hinausgehende
Freiheitsvorstellungen fehlten völlig - im philosophischen wie im
politischen Bereich [...]" (Krämer 1977: 239). Den Griechen
war ihr Freiheitsbegriff die Grundlage der Demokratie. Dieser Freiheitsbegriff
war aber nicht die Wahlfreiheit, sondern "Zurechenbarkeit,
Verantwortlichkeit, Freiwilligkeit" (Krämer 1977: 245). Nur
die Freiheit als Verantwortlichkeit hat die Griechen die Perser
besiegen lassen: "Gesiegt hat die griechische Tapferkeit, Disziplin
mit der geistigen Freiheit der Griechen. Das Zutrauen der Disziplin,
dass jeder an seiner Stelle das tun würde, was sich gehörte, konnte
bei der persischen Masse nicht sein" (Hegel 1970: 513). Und
dieser Sieg über die Perser war die endscheidende Bestätigung der
Demokratie: Damit hatte sich dieser - nicht nur für die Perser,
sondern auch für die ganze Weltgeschichte bis zu den Griechen -
absurde Freiheitsbegriff endgültig bewährt.
Absurd
ist dieser Freiheitsbegriff und damit die Grundlage der Demokratie
deshalb, weil sie die Freiheit einschränkt. Diese Einschränkung
bedingt aber die Freiheit als Grundlage der Demokratie. "Nur
darum kann der Staatsmann (Perikles, J.B.) seinen Bürgern ein solches
Mass von Freiheit geben, weil er das Vertrauen hat, dass sie aus
eigenem Antrieb ihre persönlichen Interessen denen der Gesellschaft
unterordnen werden" (Pohlenz 1955: 32). Auch Krämer erkennt,
dass bei den Griechen "[...] der Freiheitsgedanke in seinen
Anfängen stets wie selbstverständlich auf die Gesetze der Polis
bezogen und dadurch eingeschränkt war." Später "[...]
vor allem nach dem Aufgehen der Polis in den Grossreichen des Hellenismus
vollzog sich dann eine Emanzipation des Einzelnen, eine Individualisierung
und auch Verinnerlichung der Freiheitsvorstellung. Die Vision einer
schrankenlosen Freiheit und die drohende Konfrontation zwischen
Einzelnem und Gemeinschaft führte zur Suche nach neuen Normen und
Bindungen. Freiheit wird damit zum Thema der Philosophischen
Ethik [...]" (Krämer 1977: 245).
Denn
im vierten Jahrhundert wurde "[...] das Freiheitsprinzip im
Gesamtleben der Bürgerschaft (Athens, J.B.) [...] wirklich zur 'Zügellosigkeit'
und zur Auflösung aller Zucht und Ordnung, [...]" was von Platon
in seiner Politeia mit schärfstem Sarkasmus geschildert wird
(Pohlenz 1955: 38). Pohlenz bemerkt dazu: "Es ist kein erfreuliches
Schauspiel, das uns im vierten Jahrhundert die Entwicklung des politischen
Lebens der Griechen durch die Überspannung und Entartung des Freiheitsbegriffes
liefert. Aber das darf uns den Blick nicht dafür trüben, dass eben
diese Freiheit dem griechischen Geiste die Schwungkraft gegeben
hat, um die Leistungen hervorzubringen, die ihn zum Lehrmeister
der abendländischen Kultur gemacht haben." (Pohlenz 1955: 39).
Denn das ist die Geburtstunde der platonischen Metaphysik. Diese
gehört deshalb zum Herzen der europäischen Identität. Wer sie in
ihrer konkreten Anwendung (und das ist nicht notwendig: in der Theorie)
verkennt, verkennt damit seine ureigenen Wurzeln, es sei denn, er
betrachtet sich selbst nicht als Europäer. "Eine offene
Gesellschaft und alles das, was durch sie bedingt wird, gibt
es erst seit der griechischen Antike. Alle frühere Gesellschaften
waren demgegenüber mehr oder weniger geschlossene Gesellschaften"
(Krämer 1977: 240).
Diese
Absurdität, dass die Einschränkung der Freiheit das Wesen der Freiheit
sei, wurde im Grunde nur von Sokrates und Platon voll erkannt. Nur
sie haben die Absurdität des Wesens der Freiheit und der Demokratie
so interpretiert, dass wir eines anderen, dem täglichen entgegengesetzten,
Wirklichkeitsverständnisses bedürfen, um Freiheit und Demokratie
nicht absurd sein lassen zu müssen, was sie denn für uns tatsächlich
auch nicht sind. Und weil ein Wirklichkeits verständnis definitionsmässig
immer nur die ganze Wirklichkeit betreffen kann, wussten
sie sogleich, dass nicht nur Freiheit und Demokratie ein für die
gängige Wirklichkeitsauffassung absurdes Wesen haben mussten, sondern
alles, was uns als Wirkliches irgendwie angeht, ebenfalls. Das war
die Geburt der platonischen Ideenwelt und der ungerechterweise heute
als völlig überhohlt betrachteten Wesensmetaphysik. Denn überall
hat sich die aristotelische Wirklichkeitsauffassung durchgesetzt,
die aber mit der platonischen grundsätzlich unvereinbar ist.
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