Liebe Freunde,

was da alles in diesem Jahr geschehen ist, lässt sich in einem Buch kaum beschreiben. Ich bin Euch aber dennoch eine Erklärung schuldig, schon weil viele von Euch Monate lang unsicher waren, wo sie mich denn überhaupt erreichen könnten!

Nun, die Pointe des Geheimnisses ist, dass ich im August 2006 mit dem ganzen Von Laun-Institut von Leeuwarden nach Deventer übergesiedelt bin, und zwar zusammen mit meinen beiden Söhnen und Lucia. Wir haben Haus und Geschäft (in Den Haag, Leeuwarden und Harlingen) aufgegeben und sind zusammen im ältesten Haus der Niederlande eingezogen. Das Haus, wo sowohl Prinz Mauritz als auch der Herzog von Alva vorüberge-hend gewohnt hatten, stammt aus dem Jahr 1130, wurde aus Tuffstein aus der Eifel errichtet und war ursprünglich als Zugangspforte zur Kirchlichen Immunität der Bisschöfe von Utrecht in Deventer gebaut. Unser Parterrewohnung war im Mittelalter ein Weg. Um heute bei uns einzutreten, muss man erstmal vier Stufen runter bis zum mittelalterlichen Strassenniveau. Hier im Parterre wird das älteste bewahrte Tor der Niederlande sichtbar, mit Mauern von gut zwei Metern Mächtigkeit! (mobil telefonieren ist hier schwierig!).

Das Verrückteste kommt aber noch. Warum sind wir hier? Wir, das heisst, meine beide Söhne und ich, sind von der hiesigen Stadtserneurungskorporation “Het Bergkwartier” gebeten worden, an der Errichtung einer Universität im Herzen Deventers mitzuwirken, wo-für die Korporation weder das Geld noch sonst einigermassen ausgearbeitete Pläne besass. Für das Unternehmen brauchten die Initiatoren einige “Vollidioten” und kamen zu uns - ich hatte schliesslich das Von Laun-Institut auch ohne reguläre Mittel über elf Jahre aufrechterhalten!

Und nun kommt’s. Mit der mir eigenen Unbekümmertheit haben wir schon am 29. Juni 2006 die neue Universität satzungsgemäss als Geert Grote Universität errichtet. Denn wir haben uns gesagt: Bei so etwas Verrücktem kann man zwar lange und breit überlegen, aber dann wird’s nie etwas. Man muss einfach anfangen und schauen, wie weit man kommt. Und siehe, angesichts dieser tolldreisten Entscheidung hat die Deventer Bevölkerung uns in die Arme genommen und so unterstützt, dass es jetzt so aussieht, als könnte unser Plan auf Zeit auch noch gelingen.

Denn, als man sah, wie es uns Ernst war, hat man uns das älteste Haus der Niederlande zugewiesen, um dort zu wohnen und mit der Universität anzufangen. Mitte August sind wir dann hier eingezogen, und bald wurde es ein Vulkan von Ideen und Geschäften. Aber, die 400 Quadratmeter dieses Hauses reichten zwar, um uns zu Viert zu beherbergen, nicht aber, um das Von Laun-Institut mit seinen 12.000 Büchern unterzubringen. Und nun hat uns die Vorsehung an der Hand genommen: Unser Haus grenzt an ein Bankgebäude, das so hässlich war, dass “Het Bergkwartier” sich entschloss, es zu kaufen und umzubauen. Anfang Dezember war der Kauf perfekt, und die Bank wurde für die kommenden fünf Jahre Mieter des Gebäudes, das sie gerade verkauft hatte. Unter diesem Gebäude gibt es ein luxuriöses Kellergeschoss von ein paar hundert Quadratmetern, das für das Von Laun-Institut eine ideale Unterkunft darstellte. Und weil die Bank eine gute Miete zahlt, hat sich “Het Bergkwartier” entschlossen, uns diese Räumlichkeiten - praktisch umsonst - zur Verfügung zu stellen.

Inzwischen haben wir mitten im Umzugsgewirbel an einem Programm der Universität weiter gearbeitet. Und siehe, es gelang uns, zwanzig Professoren aus niederländischen Universitäten und aus Gent und Löwen (Belgien) zu überreden, hier in Deventer Vorlesungen gegen Unkostenvergütung zu halten. Das Programm wurde gedruckt in einem Vademecum von hundert Seiten und erschien noch vor Weihnachten. Die Eröffnungsvorlesung wurde jedoch schon am 8. Dezember von Prof. Kruysberghs aus Löwen gehalten, mit 15 Hörern. Sie wurde einen grossen Erfolg, alle Zuhörer waren begeistert waren von dem, was geboten wurde. Zu Hoffnung berechtigte auch, dass sich unter den Zuhörern sieben jüngere im Alter von bis zu 25 Jahren befanden.

Das alles kam zustande, obwohl ich ausgerechnet im August meinen Arm gebrochen hatte und kurz vor Weihnachten noch überraschend an der Blase operiert werden musste – als ob alles nicht schon verrückt genug gewesen wäre.

Die geheime Kraft dieser Universität ist natürlich die Philosophie der doppelten Wahrheit, die als Veritas duplex auch das Wappen der Universität ziert und im Charter der Universität aufgenommen ist. Für den Aufbau der Universität bedeutet es, dass, wer lehrmässig dieser Universität verbunden ist, weder direkt noch indirekt verkündigt, dass metaphysische Begriffe als solche wissenschaftlicher Relevanz entbehren, oder, wenn sie es dennoch aus irgendwelchen persönlichen oder anderen Gründen behaupten müssen, praktisch der metaphysischen Wahrheitsfindung so viel Respekt entgegenbringen, dass sie den Ruf der Universität nicht schaden können. Das hat weitgehende Konsequenzen, die nur Wenige in diesem Augenblick überschauen, die aber mit der Zeit dieser Universität eine ausgeprägte Identität geben werden. Man hat mich darum viel verspottet, aber die Spötter spotten immer leiser, einige schweigen schon. Das Gewicht der Argumente wird immer ernster genommen, und mit Erstaunen und Achtung beobachtet man inzwischen, was sich hier in Deventer tut. Der spöttischen Phase sind wir ledig!

Liebe Freunde, Ihr habt hoffentlich Verständnis dafür, dass ich erst spät im Neuen Jahr meine herzlichen Wünsche überbringen kann. Die Operation kurz vor Weihnachten hat meine Planung völlig durcheinander gebracht, weil sie total unerwartet war. Mir geht es aber von Tag zu Tag besser, und ich werde mich hoffentlich bald wieder voll einsetzen können.

Wer uns besuchen will, ist herzlich willkommen. Ich freue mich, Euch hier begrüssen zu können.

Euer
Jeroen Buve